Nahwärme bremst Energiewende?

2020-01-14 jW

Das Konzept der Nahwärme

Nahwärme ist Fernwärme im Kleinen. Beiden Konzepten ist gemein, dass an zentralen Stellen Wärme erzeugt wird und dann über Leitungen an die Teilnehmer strömt. Dort muss die Wärme dann nicht mehr erzeugt werden. Öfen, Heizungen, Kamine, Brennstofflager etc. sind unnötig.

Besonders effizient ist Fernwärme, wenn Wärme als Nebeneffekt oder sogar als ‚Abfall‘ entsteht. Die überflüssige Wärme wird so vom Problem zur Ressource. Dies ist zum Beispiel bei Rechenzentren der Fall. Dort erzeugen die Server oft so viel Wärme, dass aufwändige Klimakonzepte für Kühlung sorgen müssen. Im Idealfall kann die Abwärme an anderer Stelle zum Heizen von Duschwasser oder im Winter auch zur Raumtemperierung genutzt werden.

Klingt gut. Nah- oder Fernwärme kann energetisch jedoch nur effizient sein, wenn auf dem Transport zum Abnehmer nicht zu viel Wärme verloren geht. Das Ganze macht also nur Sinn, wenn die Wärme sowieso entsteht oder die zentrale Erzeugung so viele Vorteile bietet, dass die Transportverluste ausgeglichen werden.

Nahwärme im Sommer

Soll die Nahwärme auch im Sommer für die Warmwasseraufbereitung bereitgestellt werden (Dusche etc.), dann wird Energieeffizienz zu einer echten Herausforderung. Im Sommer ist es sehr wahrscheinlich, dass während der Tagesmitte oder in der Nacht überhaupt keine Wärme für Heißwasser bei den Teilnehmern benötigt wird. Um diese Zeit will schließlich oft niemand heiß duschen und Haushaltsgeräte wie Spül- oder Waschmaschinen werden gewöhnlich ausschließlich an das kalte Wasser angeschlossen. Wärme erzeugen diese Geräte selbst.

Beim Konzept Nahwärme muss die Wärme aber trotzdem kontinuierlich erzeugt und bereitgestellt werden. Die Wärmeerzeugung erst auf Anforderung zu starten, funktioniert nicht. Es würde viel zu lange dauern, bis über die Verteilrohre im Siedlungsgebiet so warmes Wasser beim Teilnehmer ankommt, dass ein Wärmetauscher genügend Wärme für eine heiße Dusche entnehmen kann. Also muss das heiße Wasser des Primärkreislaufs im Sommer oft völlig unnötig durch die Rohre kreisen; immer nur für den Fall, dass doch mal jemand heiß duschen will.

Sinnvoller erscheinen deshalb Nahwärmekonzepte, bei denen zentral nur zu den Zeiten Wärme erzeugt und bereitgestellt wird, zu denen rund um die Uhr auch Wärme in signifikanter Menge abgenommen wird: In der Heizperiode. Für die Ad Hoc-Wärme Anforderungen im Sommer kann besser auf dezentrale Konzepte verwiesen werden. Hier bieten sich sogar mit Strom betriebene Durchlauferhitzer an, die nur dann Energie verbrauchen, wenn Wärme benötigt wird. Kommt der Strom aus regenerativen Quellen, ist diese Lösung durchaus als ökologisch zu bezeichnen. Noch besser sind Anlagen mit Solarthermie.

Das Konzept in Rüsselsheim

Im Siedlungsgebiet Max-Beckmann-Weg wird die Wärme in einer im Siedlungsgebiet gelegenen Heizzentrale erzeugt, 365 Tage im Jahr. Zum Einsatz kommen Öfen, die mit Gas betrieben werden. Einer der drei Öfen ist ein Blockheizkraftwerk, also ein Verbrennungsgerät zur kombinierten Strom- und Wärmeerzeugung. Der Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist.

Der Bezug der Wärme aus der Heizzentrale ist seit 1999 per städtischer Satzung zwingend für die Anwohner vorgeschrieben. Die Motivation wird in § 1 erläutert: „Der Magistrat der Stadt Rüsselsheim strebt an, […] vor negativen Einflüssen von klimaschädlichen Gasen zu schützen“. Das klingt auch heute, über zwanzig Jahre nach Verabschiedung der Satzung, nach wie vor gut und mehr als nur legitim.

Wo ist das Problem?

Die städtische Satzung schreibt vor, dass Wärme ausschließlich aus dem Nahwärmenetz zu entnehmen ist. Jede dezentrale Gewinnung / Erzeugung von Wärme ist somit im Umkehrschluss unzulässig (Ausnahme Kaffee-Maschine etc.).

Auch, wie die Nahwärme in der Heizzentrale zu erzeugen ist, schreibt die Satzung vor: „Als emissionsarme Wärmebereitstellungsanlagen sind vorrangig gasbetriebene Blockheizkraftwerke einzusetzen.“ Das Problem: Dieser Lösungs-Ansatz ist genau wie die Satzung über 20 Jahre alt. Damals mag das Konzept State of the Art gewesen sein, heute gilt dies nicht mehr uneingeschränkt.

Nach einer Havarie der Anlage Ende 2018 wurden die Heizzentrale im Lauf des Jahres 2019 komplett erneuert. Die großen neuen Gas-Brennwertkessel haben eine thermische Leistung von 250 bzw. 530 kW. Ein zusätzliches Blockheizkraftwerk (BHKW) leistet immerhin 100 thermische kW. Da das BHKW die Grundlast im Sommer abdecken soll, erfüllt diese Konstellation wohl die Forderung der Satzung, dass vorrangig Blockheizkraftwerke einzusetzen seien. Das vorstehend beschriebene Ideal, Nah- und Fernwärme mit Abwärme zu betreiben, erfüllt ein BHKW aber nur bedingt; denn das BHKW steht hier nicht, weil es genau hier Strom erzeugen müsste und man deshalb die Abwärme verwenden könne. Bei Licht betrachtet ist wohl eher der Strom das Nebenprodukt (50 kW).

Nach Angaben des Betreibers ESRM hat das neue BHKW nun eine zehnfach höhere Leistung als das bisherige. Das alte BHKW war also ein Winzling – und es war lange Strecken überhaupt nicht in Betrieb. Diese Konstellation war wohl kaum mit der Satzung in Einklang zu bringen. Dass die Stadt ihrer Kontroll- und Aufsichtspflicht gegenüber dem damaligen Betreiber nicht immer wirkungsvoll nachgekommen war, hatten wir auf der Startseite bereits ausführlicher dargelegt.

Etwas überspitzt gesagt, hat der neue Betreiber die Heizzentrale nun auf den Stand gebracht, der vor über 20 Jahren mittels städtischer Satzung gefordert wurde. Trotz Modernisierung setzt das Betriebskonzept nicht auf nachhaltige Energie (keine Erdwärme, Solarthermie, Windkraft). Inwieweit „Öko-Gas“ zum Einsatz kommt, ist nicht bekannt.

Das Problem scheint an dieser Stelle nicht der Betreiber, sondern der rechtliche Rahmen, also die Vorgaben der Stadt. Die Stadt bewegt sich wiederum innerhalb ihrer rechtlichen Gestaltungsspielräume. Dass an diesen Gestaltungsspielräumen Bedarf zur Veränderung gesehen wird, erläutert unser Text auf einer Folgeseite (hier).

Veraltete Satzung – eingeschränkte Handlungsspielräume

Es gibt Anwohner, die liebend gerne auf eigene, dezentrale und „CO2-freie“ Wärmequellen setzen würden. Sie dürfen es aber nicht. Dies verbietet die Satzung. Dort gibt es zwar offiziell / theoretisch Ausstiegsklauseln, die jedoch kaum Praxisrelevanz haben. Der ausstiegswillige Bürger muss nachweisen, dass seine Alternative nicht klimaschädlicher ist, als die der Nahwärmeversorgung. Dieser Nachweis ist mit den heute verfügbaren Möglichkeiten zur Wärmegewinnung wohl einfach zu erbringen sein.

Aber, ein Ausstieg darf laut Satzung auch das Gemeinwohl und die Versorgung der anderen Abnehmer nicht berühren. Das Versorgungsgebiet hat rund 100 Abnehmer. Scheiden hier auch nur wenige aus, bringt das bereits die Kalkulation der Preise ins Wanken. Wendet sich eine größere Anzahl von Kunden ab, ist eine Infrastruktur dieser Art nicht mehr effizient zu betreiben. Vorstellbar ist allenthalben die Variante, dass einzelne Aussteiger weiterhin die Grundpreise zahlen, aber ihre Wärme sonst selbst erzeugen. Das macht bei der preiswerten Lösung ohne Übergabestation und Service immerhin rund 680 Euro pro Jahr. Wird man weiterhin zu einer dann fiktiven Umlage der Ablesekosten herangezogen, wäre man bei über 740 Euro pro Jahr.

Diese 680 respektive 740 Euro pro Jahr (plus Preissteigerung über Preisgleitklausel) wären bei diesem Gedankenspiel der Preis für eine eigenständige Wärmegewinnung. Mit dem bereits gezahlten Geld wäre aber noch nichts für die eigene Wärmeerzeugung angeschafft. Man würde also doppelt zahlen müssen. Eine Motivation, innovative effiziente Energiekonzepte im eigenen Umfeld umzusetzen, sieht wohl etwas anders aus. Es ist ohnehin nur ein Gedankenspiel (funktioniert nur, wenn es nicht viele tun und es muss von der Stadt genehmigt werden). Fazit: Die Bürger sind gefangen im Nahwärmekonzept.

Mindestens 10 weitere Jahre ein bereits 20 Jahre altes Konzept

Die bisher skizzierten Rahmenbedingen gelten für mindestens ein Jahrzehnt, denn die nun gemäß Satzung zwangsweise abgeschlossenen neuen Verträge für den Bezugszeitraum ab 1. Januar 2020 können erstmalig nach 10 Jahren durch Kündigung beendet werden. Wird nicht rechtzeitig gekündigt, verlängern sich die Verträge um weitere fünf Jahre. Kündigt man, muss man faktisch gemäß Satzung einen neuen Vertrag mit dem eingesetzten Betreiber abschließen. Dank des Anschluss- und Benutzerzwangs gilt das auch, wenn dann noch immer ein Wärmeerzeugungskonzept verfolgt wird, das bereits heute gute 20 Jahre alt ist und deshalb schon jetzt nicht mehr als richtungsweisend gilt.

Wieso ändert sich nichts?

Dass der Betreiber und Investor einer aufwändigen Infrastruktur für eine Nahwärmeversorgung Investitionssicherheit braucht, ist nachvollziehbar. Dies gilt für viele kommunale Services, sodass ein Anschluss- und Benutzerzwang hier tatsächlich auch ein sinnvoller oder sogar notwendiger Rahmen ist. Auf einer Folgeseite wird dies etwas ausführlicher erläutert (hier).

Das Spannungsfeld zwischen angemessenem Investitionsschutz und der Einschränkung des Wettbewerbs durch kommunale Benutzerzwänge ergibt sich vor allem immer dann, wenn zentrale Versorgungslösungen angestrebt werden.

Das Bundeskartellamt hat in einer Untersuchung des Fernwärmemarktes bereits 2012 klargestellt, dass eine Abnahmeverpflichtung, die sich über Jahrzehnte erstreckt, eigentlich keine Rechtfertigung hätte. Die Nahwärme in der Siedlung Max-Beckmann-Weg ist nun ins dritte Jahrzehnt gegangen. Ein Ende ist nicht absehbar.

Formell ist es natürlich einfacher, eine einmal verabschiedete Satzung bestehen zu lassen. Für die Änderung einer Satzung oder das Beenden der Gültigkeit sind formelle Beschlüsse erforderlich. Das Problem: Niemand drängt die Kommune systematisch, Satzungen regelmäßig nach dysfunktionalen Regelungen zu untersuchen und ggf. zu ändern. In Zeiten so drängender Probleme wie beim Klimawandel eigentlich eine Aufgabe der übergeordneten demokratischen / politischen Instanzen.

Würde man heute die Nahwärmelösung mit einer dezentralen Wärmegewinnung vergleichen, dürfte mit aktuell verfügbarer Technik die dezentrale Lösung sowohl unter ökologischen als auch wirtschaftlichen Aspekten einer Nahwärme kaum unterlegen sein. Eine klare Überlegenheit der Nahwärme müsste aber sowohl zum Zeitpunkt der Betrachtung als auch für die absehbare Zukunft gegeben sein. Andernfalls – so sollte man meinen – fehlt es an einer Rechtfertigung für einen so gravierenden Eingriff in den Wettbewerb und die Eigentumsrechte der Bürger wie dies ein Anschluss- und Benutzerzwang (ABZ) bewirkt. Leider gibt die Hessische Gemeindeordnung nicht klare Kriterien als Voraussetzung für das Verhängen eines ABZ vor. Dieses Thema wird auf einer Folgeseite ausführlicher dargestellt (hier).

Die Frage der Überschrift: Bremst Nahwärme die Energiewende aus?

Bremst Nahwärme die Energiewende aus? Leider in vielen Fällen ja. Nah- und Fernwärme erfordert hohe Investitionen in eine zentrale Infrastruktur und in die Anbindung der Teilnehmer. Dies begründet einen Anschluss- und Benutzerzwang. Einmal verhängt, begünstigt der rechtliche Rahmen zumindest in Hessen eine dann lange Aufrechterhaltung der einmal geschaffenen formellen Strukturen. Wandel und Innovation werden hierdurch nicht begünstigt, sondern ausgebremst, obwohl so dringend notwendig.


Vor allem der letzte Absatz dieses Artikels ist nicht wissenschaftlich begründet sondern spiegelt eine Überzeug, also letztlich Meinung. Es wird andere Meinungen geben, denen sich der Autor gerne stellt. Nutzen Sie die Kommentarfunktion oder nehmen Sie über die Mailadresse Kontakt auf (Impressum).


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